Stimmen der Zeit – Heft 7 / 2019 – Jan Krieger

St. Hedwig zu Berlin

Zur Entstehung und Zukunft der Kathedrale


Ein an der Umbauvorbereitung im Auftrag des Erzbistums Berlin beteiligter Architekt hat einen Rechtfertigungstext zur Vernichtung von Kulturerbe verfasst, die von der Fachwelt einhellig abgelehnt wird. In der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" wird diese einsame Stimme für den Totalumbau der Hedwigskathedrale veröffentlicht. Um sich ein Bild von der schwachen und fehlerhaften Argumentation dieses Artikels machen zu können, wird hier eine Abschrift zur privaten Nutzung zum Download bereitgestellt.

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St. Hedwig zu Berlin. Zur Entstehung und Zukunft der Kathedrale
Der Artikel wurde von Jan Krieger verfasst, dem Architekten, der Vorbereitungen für die Durchführung des Realisierungswettbewerbs 2013 / 2014 im Auftrag des Erzbistums Berlin ausführte.
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Schreiben von Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Meyer

an den Chefredakteur der "Stimmen der Zeit" zum Krieger-Artikel


 

 

 

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Meyer ,  Potsdam                                                 4. Juli 2019

 

 

 

An den Chefredakteur von „Stimmen der Zeit“

Herrn P. Stefan Kiechle S.J.

 

Verlag HERDER GmbH

Stimmen der Zeit

Haus der Bundespressekonferenz

Schiffbauerdamm 40 / 4315

10117 Berlin

 

Jan Krieger: St. Hedwig zu Berlin. Zur Entstehung und Zukunft der Kathedrale

Stimmen der Zeit 7/2019, S. 503 – 516

 

Sehr geehrter Herr Pater Kiechle,

 

der oben angeführte Artikel von Herrn Jan Krieger kann nicht unwidersprochen bleiben. Überdies ist mir unverständlich, wie ein so einseitiger Text in den „Stimmen der Zeit“ erscheinen konnte.

 

Ich beginne mit der Einleitung des Artikels, für den die Redaktion doch wohl die unmittelbare Verantwortung trägt. Dass die Berliner St. Hedwigs Kathedrale „renoviert“ werden soll, ist zwar die offizielle Sprachregelung des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin, doch sollte Ihnen der Text von Herrn Krieger deutlich gemacht haben, dass der Innenraum dieses Gotteshauses radikal umgebaut und also nicht renoviert werden soll. Im Folgesatz wird denn ja auch von „wesentlichen Änderungen“ gesprochen. Warum übernehmen Sie dann aber den irreführenden Begriff einer Renovierung, obwohl er die Gründe für den derzeitigen Konflikt um den künftigen Innenraum von St. Hedwig eher verstellt?

 

Ich übergehe im Folgenden den geschichtlichen Abriss in Kriegers Artikel auf den Seiten 503 bis 506  und wende mich dessen Darstellung des heutigen Konflikts ab Seite 507 zu. Der Autor würdigt zwar die Rolle Hans Schwipperts bei der Gestaltung des ersten Baus des Deutschen Bundestages in Bonn und dessen Bedeutung als Kirchenarchitekt.  Doch wenn er dann auf die Auseinandersetzungen über die Art des Wiederaufbaus der Berliner St. Hedwigs Kathedrale zu sprechen kommt,  lässt er einen wesentlichen Aspekt völlig aus. Zwar erwähnt er harte Diskussionen und Widerstände aus dem Domkapitel, doch bleibt für den Leser offen, worauf diese sich bezogen.

 

Denn was war (und ist) der Kern des Konflikts? Der Berliner Bischof Wilhelm Weskamm (1951 - 1956), in dessen Amtszeit die Planungen begannen, und insbesondere Julius Kardinal Döpfner, von 1957 bis 1961  Bischof von Berlin und dann Erzbischof von München-Freising sowie später einer der Moderatoren des II. Vatikanischen Konzils, waren in ihrer Haltung zum Kirchenbau geprägt von den Gedanken der liturgischen Erneuerung. Dazu gingen bekanntlich wesentliche Impulse von Deutschland aus. Eines der wichtigen Anliegen der liturgischen Bewegung war die Möglichkeit der Zelebration versus populum, weil sich so die Gottesdienstgemeinde unter dem Vorsitz des Bischofs bzw. des Priesters als das Volk Gottes darstellt. Das erforderte freilich, für den Tabernakel einen anderen Ort als die Mitte der Altarmensa zu finden, was kirchengeschichtlich nicht völlig neu gewesen wäre. Der römischen Kurie war jedoch die liturgische Erneuerung, wie jeder neue Gedanke, ein Gräuel. Und so ersannen römische Prälaten die Vorschrift, der Tabernakel müsse fest mit der Mensa des Altars verbunden sein.

 

Bei Jan Krieger erscheint die Öffnung der Krypta als Unterkirche zur oberen Hauptkirche durch Schwippert als ein unbegreiflicher und völlig abwegiger Vorgang. Dabei müsste er wissen, dass Schwippert diese Idee in Zusammenarbeit mit dem Liturgischen Institut Trier entwickelte und sich dabei – gegen Widerstände aus dem Domkapitel – der Unterstützung Kardinal Döpfners sicher sein konnte. Der Innenraum von St. Hedwig wird bestimmt von einem Altar, der aus dem Altar der Oberkirche und dem Altar der Unterkirche besteht, die durch eine gemeinsame Stele verbunden sind. Auf dem unteren Altar steht, gemäß der  römischen Vorschrift, der Tabernakel. Der obere Altar steht vor dem Bischofsthron und erlaubt nur die Zelebration zum Volke hin. Mit anderen Worten: Der von Hans Schwippert gestaltete und aus zwei Ebenen bestehende Kirchenraum nahm eine wesentliche Errungenschaft des Konzils vorweg, wenn auch auf ungewöhnliche Weise. Daher ist er ein Denkmal für die das Konzil vorbereitende und von diesem vollendete liturgische Erneuerung.

 

Kardinal Woelki wusste als Erzbischof von Berlin von alledem nichts und wollte das auch gar nicht wissen.  Jedenfalls versagte er sich dem Gespräch über seine Umbauabsicht mit geistlichen Persönlichkeiten seines Bistums und reagierte auf Hinweise einer kompetenten Fachfrau seines Ordinariats mit Sprechverboten. Er hielt sich aber selbst für kompetent genug,  den von Hans Schwippert gestalteten Kirchenraum als „vorkonziliar“ zu charakterisieren. Als Argument diente ihm die Tatsache, dass man den oberen Altar bei der Inzens nicht umschreiten könne, wie dies im neuen römischen Meßbuch vorgeschrieben sei. Doch diese Behauptung war unzutreffend. Denn erstens ist bei der Inzens laut römischen Meßbuch das Umschreiten des Altars nur fakultativ. Und zweitens könnte natürlich die Öffnung vor dem Altar als Teil der Altaranlage umschritten werden. Dass Woelki dies alles auch vom damaligen Erzbischof von Köln,  dem ihn lange fördernden Kardinal Meisner hätte erfahren können, sei nur am Rande erwähnt. Er wird aber gewusst haben, dass Meisner strikt gegen den Umbau war.

 

Kardinal Woelki zog es jedenfalls vor, seine Umbauabsicht dadurch durchzusetzen, dass er einen Ost-West-Konflikt inszenierte. Und zwar in der gleichen Weise, wie sie mir aus meiner Zeit in Sachsen, als das dortige Landesdenkmalamt bei meinem Ministerium ressortierte, nur allzu vertraut ist: Wenn einem West-Investor irgendetwas Gebautes, was er in Sachsen vorfand, nicht passte, war das für diesen so gut wie immer DDR-Mist, der wegzuräumen wäre.  Überdies duldete der neue Berliner Erzbischof, dass in St. Hedwig Predigten gehalten wurden, in denen das Gegenüber der Sitzanordnung  in der Kathedrale als Ausdruck der Spaltung gewertet wurde. Wozu man wissen muss, dass auf Weisung des Ordinariats die Sitze nicht, wie von Schwippert gewollt, in Halbkreisen, sondern als Blöcke rechts und links von der Altaranlage aufgestellt worden waren. Das wird ja auch von Jan Krieger ausdrücklich erwähnt und als für die Praxis tauglicher gerechtfertigt (S. 513).

 

Was bei Krieger jedoch nur indirekt genannt wird, nämlich auf S. 507 unten, ist die Tatsache, dass sich unter Schwipperts Leitung Künstler aus Ost und West zusammenfanden, um den neuen Innenraum zu gestalten. Also ist der Innenraum von St. Hedwig das einzige Denkmal gesamtdeutschen künstlerischen Zusammenwirkens aus der Zeit der Spaltung. Damit ist diese bauliche Gestaltung nicht zuletzt ein Ausweis des Zusammenhalts der Katholischen Kirche in Berlin in schwieriger Zeit.  Und noch einen weiteren Zeugniswert hat Hans Schwipperts Werk. Während die übrigen Gebäude am Berliner Forum Fridericianum von der damaligen politischen Macht im Ostteil Berlins durch Zutaten (das Marxzitat in der Humboldt-Universität, das Leninfenster in der „Kommode“) in Anspruch genommen wurden, war der neue Gottesdienstraum in St. Hedwig ein eindrucksvolles und von der Öffentlichkeit auch wahrgenommenes Beispiel zeitgenössischer Architektur in Ostberlin. Es war unsere Kirche, die für das Neue stand.

 

Statt den gesamtdeutschen Zeugniswert von St. Hedwig zu würdigen, präsentiert Jan Krieger auf den Seiten 508/509 ein Narrativ, das den Ost-West-Gegensatz akzentuiert. Einerseits erkennt er an, dass St. Hedwig für die Katholiken in Ostberlin und der DDR „ein liebgewonnenes und wertgeschätztes Zuhause und Zeichen der Selbstbehauptung gegenüber dem Staat“ gewesen sei. Andererseits meint er jedoch, „die politische Wende von 1989, die neue Einheit Deutschlands und schließlich der Hauptstadtbeschluss zugunsten von Berlin“ hätten „die Bedeutung der Hedwigs-Kathedrale … grundlegend verändert“. Als Beleg dient ihm die Tatsache, dass kirchliche und staatliche Fest- und Gedenktage heute mit feierlichen Gottesdiensten in Berlin und nicht in Köln begangen werden. Das ist in der Tat unbestreitbar. Allerdings erinnert mich Kriegers Begründung doch stark an die Aussage einer seiner Mitstreiter, man brauche St. Hedwig nicht als einen Erinnerungsort des DDR-Katholizismus. Vor allem fürchte ich, man hofft durch den Umbau würde St. Hedwig zu einem aussichtsreicheren Konkurrenten des evangelischen Berliner Doms in dessen Rolle als Feierort der Bundesrepublik. Dem steht nicht nur die relative Kleinheit der katholischen Berliner Bischofskirche entgegen. Auch wenn wir heute den historistischen Prunk des Berliner Doms eher distanziert betrachten, erinnert der radikale Reduktionismus des von Leo Zogmayer unermüdlich gefeierten Entwurfs von Sichau und Walter doch zu stark an einen Kuppelsaal mit Stuhlkreis. Ob diese Fassung des Inneren der Kathedrale liturgiefähiger ist als der von Hans Schwippert und einer Vielzahl von Künstlern gestaltete bisherige Innenraum, muss sich erst noch erweisen.

 

Freilich soll nicht bestritten werden, dass Kriegers harsche Kritik an der Gestaltung der Unterkirche weithin berechtigt ist. Hier wären Veränderungen möglich, ohne die Grundkonzeption Schwipperts zu zerstören. Was Sichau und Walter jedoch vorschlagen, ist die Umwandlung der offenen Unterkirche in eine Krypta, die über eine Treppe aus dem Vorraum der Kathedrale nur mühsam zu erreichen sein wird. Damit wäre jedoch das Grab des Glaubenszeugen Bernhard Lichtenberg gegen die nazistische Diktatur aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden.

 

Dass Jan Krieger dem Denkmalschutz, der sich entschieden gegen die Zerstörung des Schwippertschen Innenraums ausgesprochen hat, die Neigung zur Stagnation vorwirft, ist verständlich. Welcher Architekt will nicht bauen? Unverzeihlich ist jedoch die Art und Weise, in der Krieger mit den Gegnern des geplanten Radikalumbaus  verfährt. Sie seien „lautstark, aber nicht zahlreich“. Richtig ist wohl, dass die Mehrheit der Westberliner Katholiken, welche meist ihre Bischofskathedrale erst 1989/90 in einem schockierend ungepflegten Zustand kennen lernen, für den Umbau sind. Wie dagegen die Stimmung in den Ostberliner Gemeinden ist, weiß Jan Krieger nicht und will es wohl auch nicht wissen. Dass er sich über den Verein der Freunde der Hedwigskathedrale ärgert, sei ihm zugestanden, nicht jedoch die Behauptung, diese drohten mit dem Kirchenaustritt (S. 512). Ich kenne jedenfalls kein Vereinsmitglied, das damit droht. Auch kennt er offenbar an Kritikern des Umbaus nur Agatha Buslei-Wuppermann und deren Buch „St. Hedwigs-Kathedrale Berlin. Hans Schwipperts Mahnmal für den Frieden“, das er heftig kritisiert. Dagegen erwähnt er mit keinem Wort Sabine Schultes gründliche Studie „Kreis, Kreuz und Kosmos – Hans Schwipperts Innenraum für die Berliner Hedwigskathedrale“, die Alfred M. Molter 2016 für die Deutsche Gesellschaft e.V. herausgegeben hat. Auch dass Albert Gerhards und Andreas Odenthal, zwei der renommiertesten  deutschen Liturgiewissenschaftler bereits 2014 die Notwendigkeit eines radikalen Umbaus entschieden bestritten und nur einige funktionale Modifizierungen (wie z.B. einen neuen Standort für den Ambo) für sinnvoll hielten, erwähnt Krieger mit keinem Wort. Die Liste beachtenswerter, aber unerwähnter Diskussionsbeiträge gegen den geplanten Umbau könnte fortgesetzt werden. Weiß Krieger wirklich nicht, dass Gabi Dolff-Bonekämper, Professorin für Denkmalpflege an der TU Berlin und Kerstin Wittmann-Englert, Professorin für Kunstgeschichte an der gleichen Universität Ende 2016 die Zerstörung der Schwippertschen Raumgestaltung entschieden ablehnten und in dieser Haltung 2017 durch eine gut besuchte Versammlung an der TU Berlin bestärkt wurden? Hat Jan Krieger noch nie von dem offenen Protestbrief des langjährigen Vorsitzenden des Berliner Denkmalrates, Prof. Adrian v. Buttler, gehört, der immerhin von 100 Persönlichkeiten aus ganz Deutschland mitunterzeichnet wurde? Jedenfalls ist das Bild, das der Autor vom Widerstand gegen die Zerstörung einer bedeutenden Leistung des katholischen Kirchenbaus zeichnet, schlicht irreführend. Das muss schon deshalb beunruhigen, weil das Projekt Sichau und Walter auch Erdarbeiten vorsieht, was bekanntlich in diesem Teil des Berliner Zentrums schon mehr als einmal katastrophale Folgen hatte. Erfordert die Situation der  Katholischen Kirche in Deutschland nicht gerade ein Ernstnehmen der Kritik an diesem Bauvorhaben und ein Überdenken der Bauabsichten und ihrer finanziellen Konsequenzen?

 

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um den Radikalumbau des Innenraums der Hedwigs Kathedrale erwarte ich keine gleichsam standpunktlose Darstellung des Konflikts. Auch bin ich mir dessen bewusst, dass Urteile über künstlerische und architektonische Werke nicht allein rational zu begründen sind. Wenn Frau Monika Grütters meiner Frau und mir in einem persönlichen Gespräch erklärt, sie fände das Innere der Berliner Kathedrale „scheußlich“ oder wenn eine Journalistin in der WELT von der „hässlichen Hedwig“ schreibt, so sind das Urteile, die sich letztlich einer argumentativen Auseinandersetzung entziehen. Meine Frau und ich würden ja auch nicht bestreiten, dass wir bis heute unter dem Eindruck des Einweihungsgottesdienstes stehen, an dem wir 1963 in der endlich wieder hergestellten Kathedrale teilnehmen konnten. Doch einen den Konflikt derart entstellenden Text hätte ich als langjähriger Leser der „Stimmen der Zeit“ in dieser angesehenen und intellektuell anspruchsvollen Zeitschrift nicht erwartet. Dies Ihnen als deren Chefredakteur zu schreiben, war mir ein Bedürfnis. Ich sollte Sie auch von meiner Absicht in Kenntnis setzen, meinen Brief auch anderen Personen zur Kenntnis zu geben.

  

Mit freundlichen Grüßen

          gez.  Hans Joachim Meyer