Berlins Erzbischof Koch setzt im Osten fort, was DDR-Ideologen begannen

"Traditionsabbruch" verursacht Religionsverlust

Zerstörung der traditionsreichen Innengestalt der Hedwigskathedrale wird die Verbliebenen spalten und des identitätsstiftenden Zentrums berauben

Nachlese zur ARD-Themenwoche "Woran glaubst Du?" – MDR-Beitrag vom 12. Juni 2017:

Zitate aus dem Film "Land ohne Glauben?" von Kai Voigtländer zur Kirche im Osten 

Im Osten Deutschlands, auf dem Gebiet der früheren DDR, ist das Christentum ein verschwindendes Phänomen. Soziologen sprechen gar von einer der "gottlosesten Regionen der Welt".

Im Osten verschwindet die Religion

„Unterwegs in Sachsen, Sachen.Anhalt und Thüringen – „dem Kernland der Reformation“,

so sagt es das Landesmarketing.

Die Kirchen stehen da wie immer. In jeder Stadt, in jeder Dorfmitte. Historische Monumente und neugebaute Trutzburgen." 

Den Fluss mit Sand aufhalten?

In der Verantwortung des Kurzzeitbischofs von Dresden-Meißen, dem nunmehrigen Erzbischof von Berlin, Dr. Koch, wurde die bestehende Propsteikirche durch einen trutzburgartigen Neubau ersetzt. Kann mit Traditionsbruch die schwindende Religiosität wiederbelebt werden?


Trutzburg in Leipzig statt bestehender Propsteikirche _Brachialer Behauptungsversuch des Kurzzeitbischofs Dr. Koch
Trutzburg in Leipzig statt bestehender Propsteikirche _Brachialer Behauptungsversuch des Kurzzeitbischofs Dr. Koch

Ostdeutschland fast ohne Religion

„Ostdeutschland ist heute einer der gottlosesten Landstriche Europas. Begonnen hat das alles 1949 mit der Gründung zweier deutschen Staaten.

Anfangs sind 95 % aller Deutschen Mitglied in einer Kirche. Und nur 5 % sind konfessionslos.

 

Dann beginnt im Osten ein ideologischer Kampf gegen die Institution Kirche. 

Innerhalb kürzester Zeit verzehnfacht sich der Anteil der Konfessionslosen. Aus 5 % werden 50 % (1961). 1989 sind 70 % der ostdeutschen Bevölkerung ohne konfessionelle Bindung.

Die Hoffnung, dass die Menschen nach dem Mauerfall wieder in die Kirchen strömen währt nur kurz.

Mittlerweile (2011 ) gehören 80 % der Menschen im Osten keiner Kirche an. Im Westen sind es gerade mal 25 %. Die Landkarte der Konfessionslosigkeit zeichnet heute die alte innerdeutsche Grenze nach." 

"Traditionsbruch" vertrieb Glauben

"Im Osten ist konfessionslos das neue „normal“.

So sind sie aufgewachsen, die Kinder der DDR, wie die der Nachwendezeit.

in den Familien wird Religion nicht mehr gelebt. Damit verschwindet auch das Wissen um die Gesten und Rituale des Glaubens."

Anja Köhler, Journalistin (mit DDR-Biografie):

"Wir sind vollkommen gottlos aufgewachsen.

Also, wir wussten natürlich, es gibt Kirche, es gibt Religion, aber wir haben das nie thematisiert. Wir hatten andere Rituale. …  Kirche hat da nie eine Rolle gespielt."

"Für Konfessionslose sind die Rituale der Kirche befremdlich. Für dieses Befremden haben Wissenschaftler einen Namen:

„Traditionsabbruch“

Religion und Kirche spielen keine Rolle mehr im Leben, man wächst nicht damit auf und vermisst es auch nicht." 


Frauenkirche in Dresden als Touristenmagnet. Religion nur Erinnerung?

"Die Frauenkirche am Dresdner Neumarkt. Mit viel Enthusiasmus nach der Wiedervereinigung neuaufgebaut. Heute ein Magnet für Touristen.  Aber Dreiviertel der Sachsen haben mit Kirche nichts mehr am Hut. Kirche – eine Erinnerung an früher" (Zitat_ARD)
"Die Frauenkirche am Dresdner Neumarkt. Mit viel Enthusiasmus nach der Wiedervereinigung neuaufgebaut. Heute ein Magnet für Touristen. Aber Dreiviertel der Sachsen haben mit Kirche nichts mehr am Hut. Kirche – eine Erinnerung an früher" (Zitat_ARD)

Kultur der Konfessionslosigkeit

Gerd Pickel, Religionssoziologe, Universität Leipzig beschreibt die wachsende Kultur der Konfessionslosigkeit:

"In Ostdeutschland sind wir in der 2. und 3. Generation, die mit Kirche keine Berührung haben." Gerd Pickel zur Frage, ob westdeutsche Impulse diesen Prozess aufhalten können:

"Es ist eher so, dass sich Westdeutschland an Ostdeutschland anpasst und nicht umgekehrt.

In Ostdeutschland ist eine Rückkehr sehr unwahrscheinlich, weil man so eine Art Kultur der Konfessionslosigkeit schon hat. In Westdeutschland ist es noch so, dass man noch eine Kultur der Konfessionszugehörigkeit hat. Man hat es irgendwie noch so gelernt.

Aber die bröckelt halt auch. Das dauert sicher noch zwei Generationen. Aber der Prozess ist letztendlich schon seit den 70-iger Jahren im Gange. Es ist ein langsamer Prozess, aber der Prozess geht weiter voran."

 

Horst Groschopp (Kulturwissenschaftler, Atheist)

(ehemal. Direktor der Humanistischen Akademie):

"Ein Wiederaufleben von Religion, das widerspricht sämtlichen soziologischen und sonstigen Untersuchungen. Es gibt keine Rückkehr der Religion, im Gegenteil. Hier nicht. Wo es eine Zunahme gibt, das ist natürlich da, wo die Armut am allergrößten ist. … und die dann hier zu uns kommen und Flüchtlinge sind. Was hält die denn sonst am Leben?"

Ist Kirche noch "Wertevermittler"?

Anteil regelmäßige Gottesdienstbesucher an der Bevölkerung:

12 % einmal im Monat in Ostdeutschland

24 % einmal im Monat in Westdeutschland

"Die Kirchen verlieren langsam ihre Rolle als Vermittler und Garanten von Werten."

Seit 1990 wurden 3 % der katholischen Kirchen Deutschlands entweiht und 3,5 % der evangelischen Kirchen anderweitig genutzt oder abgerissen. 

Kirchengebäude können aber unabhängig von der religiösen Nutzung Orte für ehrenamtliches soziales Engagement von Menschen sein.:

"Die Kirche soll im Dorf oder in der Stadt bleiben

als Blickfang und städtebaulicher Mittelpunkt."

In manchem Dorf ist Kirche das einzige Gebäude, dass noch ab und zu aufgeschlossen wird. So engagieren sich hier unabhängig von Religion Initiativen und Vereine sozialen und kulturell.
Wie z. B. in dem zur Stadt Leuna gehörenden Ort Horburg, bekannt für die "Horburger Madonna"  des Naumburger Meisters in der Kirche.

s. Freundeskreis Horburger Madonna

Fazit des Fernseh-Beitrags:

"Der überlieferte Glaube ist in Ostdeutschland zu großen Teilen abhanden gekommen. Das bedeutet Verlust, aber auch Freiraum für neue Ideen und Partnerschaften."


"Kirche" für katholische Brautpaare, denen keine katholische Kirche öffnet

Ansichten und Internet-Link:  Hochzeitskapelle Callenberg - Grumbacher Str. 2 - 09337 Callenberg 

Konfessionslose Hochzeitskapelle

In Callenberg (Sachsen) entstand der Neubau

eines Gebäudes, das aussieht wie eine Kirche, aber keine Kirche ist.  In einem ehrwürdigen und erhabenen Ambiente, das an das alter Kirchen erinnert, sollen sich die Gäste wohlfühlen.

 

Im Fernsehbeitrag wird resümiert:

"Dieses Bauprojekt ist vielleicht der konsequentes Ausdruck für den Traditionsabbruch im gottlosen Osten Deutschlands.

Man bedient sich aus den Bruchstücken der alten Tradition und setzt sie nach eigenen Bedürfnissen wieder neu zusammen. Die Kirche als Dekoelement für ein modernes Event."

 

 

 

Wenn Kirche Menschen ausstößt …

Katholischen Paaren, die zum zweiten Mal heiraten wollen, wird die kirchliche Heirat verwehrt. Dennoch möchten manche nicht auf den feierlichen Rahmen einer Kirche verzichten. 

 

Die Bauherrin der Hochzeitskapelle sagt dazu:

"Wenn die Kirche heutzutage im 21. Jahrhundert sagt, nein, bei uns bleibt es so, nur eine Chance und es muss der richtige Mensch sein, für ein ganzes Leben lang. Dann dann passt das nicht mehr in die Welt. Dann sage ich: Herzlich willkommen, liebe Christen! Bei uns dürft ihr in einer Kirche, die keine Kirche ist, zum zweiten Mal heiraten."


Während das Erzbistum Berlin die intakte Hedwigskathedrale zerstört …

betrachtet der MDR-Beitrag "Land ohne Glauben?" konstruktive Bemühungen anderer Akteure.

"Sie bauen eine Kirche für ein Ritual, das mit Kirche nichts  zu tun hat. Andere Pflegen alte Kirchen für die glaubenslose Dorfgemeinschaft."