Adrian von Buttlar

Arch+  Ausgabe 241 _15.12.2020

Damnatio memoriae und Attrappenkult

Mehr Denkmalschutz wagen!

Der langjährige Vorsitzende des Berliner Landesdenkmalsrates analysiert Baukultur und Denkmalschutz in der Hauptstadt Deutschlands.

"Kann (…) eine rekonstruierte bauliche oder städtebau­liche Gestalt tatsächlich „Geschichte korrigieren“? Natürlich nicht. Aber sie kann reale Geschichte durch ein Placebo verdrängen – und genau darum geht es: Man hat sich mittlerweile schon fast daran gewöhnt, dass der Abriss denkmalgeschützter oder denkmalwürdiger Baubestände mit der Rekonstruktion verlorener Baudenkmäler und Stadtbilder Hand in Hand geht; dass zur dynamischen Entwicklung der oft mit einem Palimpsest verglichenen Metropole Berlin die rekonstruktive Überschreibung historisch bedeutsamer oder sozial enteigneter Orte gehört; (…)  Die damnatio memoriae – die Verdammung und Tilgung des Andenkens – und die Flucht in den postmodernen Attrappenkult erweisen sich nach wie vor als zwei Seiten der gleichen Medaille."

Der Schlussabschitt des Beitrags (Seiten 43-45) befasst sich mit der Denkmalzerstörung bei der Hedwigskathedrale durch das Erzbistum Berlin:

Teilabriss der Hedwigs-Kathedrale:

Gezielte Dekonstruktion Theologischer und historischer Werte

"Der unfassbare Skandal des Umgangs der katholischen Kirche mit ihrer weitgehend intakten Kathedrale zeigt einmal mehr, dass es neben dem autistischen Selbsdarstellungsbedürfnis der Kirchenoberen noch einen tieferen Grund gibt: Im Schulterschluss mit der Politik soll die mittlerweile unlieb­same historische Erinnerungsschicht des Kalten Krieges und der deutschen Teilung sowie des mahnenden Gedenkens an politisches Unrecht ausgelöscht werden, um erklärtermaßen dem amtlichen Katholizismus für pompöse Kirchenfeste, Staats­-, Gedenk-­ und Trauerfeiern eine vermeintlich spektakulärere Bühne in der Hauptstadt zu verschaffen: Die damnatio memoriae durch Denkmalzerstörung wird von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit 12 Millionen Euro und vom Land Berlin mit noch einmal mit 8 Millionen bezuschusst!"

ADRIAN VON BUTTLAR

Prof. i. R. Dr. Adrian von Buttlar, Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der TU Berlin, ehem. Vorsitzender des Landesdenkmalrates Berlin 1995–2009,
Wiss. Beirat der Wüstenrot Stiftung Ludwigsburg


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Die gedruckte Ausgabe von ARCH+ mit dem Titel "Berlin Theorie – Politik des Raums im Neuen Berlin", die am 15.12.2020 erschienen ist, lässt sich unter diesem Link beziehen.